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Selbstversuch

Aufwachen. Stadt. Träumen.

„Influencer verkaufen also neben Hunger-aus-Lutschern sogar Hirngespinste?“, frage ich und versuche, nicht so zu klingen, als steckten meine Füße in weißen Socken und Adiletten. „Ich bin Content-Creator“, sagt @bensheim. „Es geht bei meinem Job auf keinen Fall darum, Leute zu beeinflussen – ich möchte sie einfach mit guten Inhalten begeistern.“ Mein Rücken drückt sich in die Stuhllehne, meine Achseln fühlen sich klamm an, wir schweigen. Am Nachbartisch streiten zwei junge Frauen mal belustigt, mal absolut ernst darüber, ob es besser wäre, mit oder ohne Zopf zu schlafen.

Wie viele Follower @bensheim bei Instagram hat? Keine Ahnung. „Ein paar sind es schon“, sagt er und hält mir sein iPhone vor die Nase. @bensheim heißt eigentlich Ben. Goldblonde Haarsträhnen fallen ihm ins Gesicht, sodass er sie immer wieder in Position schütteln muss – zu stören scheint ihn das nicht. Ben nippt am Mojito, ich denke an Kuba, male mir vielmehr ein Bild von Kuba; denn dort war ich noch nie. Ben schon. Überhaupt sieht er aus wie einer, der Urlaub macht: Ganz gleich, ob er die Flipflops auf Cayo Coco baumeln lässt oder Mischbrot im Weihensbacher Aldi kauft.

Während Ben in der Bilderflut ertrinkt, die seine Timeline durchspült, legt sich ein Schatten über meine Laune: Ich bin 19 und ungenügend! Zu haltlos, um anzuecken. So in mich gekehrt, dass ich mir lieber ein Buch im Laden nebenan holte als einen nassen Sporthosenboden auf einem Festival. Und obwohl ich wusste, dass mich irgendwann der Traum vom großen Durchbruch aus der Kleinbürgerlichkeit führen werde, fand ich für stets dieselbe Aufgabe keine Lösung: Wenn eine berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmenstunde länger dauert als alle Folgen der dritten A-Team-Staffel zusammen … wann kommt dann die Stelle, an der mein Leben funktioniert?

Ein Weinglas zersplittert auf dem Terrassenboden.
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Es ist Samstag. Zahlreiche Weihensbacher pilgern, die Tragekörbe unter die Arme geklemmt, vom nahegelegenen Parkplatz zum Wochenmarkt; Ben und ich sitzen im FreiRaum. Heute Morgen hatte uns eine gemeinsame Bekannte einander vorgestellt.  Er sollte Werbung machen für den Vom-Träumen-ins-Tun-Workshop, den sie organisiert – ich wollte einfach dabei sein. Wir kommen beide von woanders: Ben lebt und arbeitet überall, ich wuchs in Hamburg auf und wohne in Weihensbach.

Die 50.000 Bürger zählende Stadt in der fränkischen Provinz wurde innerhalb von 1200 Jahren vom Benediktinerkloster zur Beamtenstadt. Diese bis ins Mittelalter zurückreichende Herkunft ist heute zu erahnen: historische Bausubstanz existiert lediglich rund um den Marktplatz.
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In meine brüchige Festung krachte vor zwei Jahrzehnten die Abrissbirne: Damals zog ich die Absage der Universität für literarisches Schreiben aus dem Briefkasten. Das muss ein Irrtum sein, dachte ich, bestimmt haben sie mich mit jemandem verwechselt! Sehr viele Bewerbungen, stand da … Leider können wir Ihnen … Trotzdem wünschen wir Ihnen … In meinen Ohren pfiff es, ich bekam kaum Luft. Allerdings flammte langsam ein im Heu versteckter Funken in meinem Inneren auf: Panik. Was ich vermutete zukünftig zu sein, lag mir in tausend Trümmern zu Füßen. Ob ich jemals die Kraft aufbringen würde, um die Steine zusammenzufügen? Den Bruchteil einer Sekunde lang versuchte ich, den Gedanken zu unterdrücken. Dann schlug er zu: Nie wieder! Der Schwinger hat gesessen.

Ab 1385 machten sich die Hohenzollern in Flusslage breit – bis Friedrich I. sie 1415 zu Kurfürsten von Brandenburg ernannte. Selbst der letzte Markgraf verzichtete 1791 auf sein Herrschaftsgebiet, um in England Pferde zu züchten.
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Andere sind gegangen, um etwas Besseres zu werden; ich kam, weil sich nichts Besseres ergab. Wer gerade aufgewacht ist, hat keinen Traum B: Eine Hochschule, die jeden nimmt, nimmt sogar mich. Weihensbach war klein, die Studiengebühren ebenso. Es gab es eine Dönerbude, einen Irish Pub sowie eine finstere Ecke, in die ich gepinkelt habe, weil das Kilkenny billig war und ich übermütig.

Es ist 20 Uhr. Wer vom Parkplatz in die Weihensbacher Altstadt will, muss an der Stadtmauer, einem mit Bruchstein ummauerten Erdwall vorbei. Also schiebe ich mich durch ein Steintor, auf dem ein Fachwerkaufbau ruht, lasse auf öden Straßen das FreiRaum links, einen Frisörsalon sowie ein Gasthaus rechts liegen. In Spur gehalten von dreigeschossigen Giebelhäusern quere ich den Marktplatz, nähere mich dem einstigen Benediktinerkloster, der heutigen Stankt-Johannis-Kirche, betrete ein Gewirr aus verwinkelten Gassen. In eine Nische schmiegt sich eine italienische Bäckerei, die morgen von acht bis zehn Uhr selbstgemachte Panini anbieten wird. „Bei Mattia bekommst du welche mit frischem Grillgemüse“, erwähnte meine Bekannte neulich, „und, wenn er gute Laune hat, einen kostenlosen Espresso!“

Bevor ich um die nächste Ecke biege, höre ich Stimmen, die zunächst dumpf von Hauswand zu Hauswand hallen, um ein tiefes Gelächter ergänzt durch die Gasse drücken und letztendlich am Rand der Altstadt einen Ausweg finden. Vor dem Rosemarie hocken in Gruppen diskutierende Studenten und Zigarre paffende Rentner auf Plastikstühlen. Fünf Steinstufen führen zur Eingangstür. Dahinter erinnert nichts mehr an Rosemarie – beziehungsweise daran, wie ich mir Rosemarie vorstelle. An den Holzfenstern hängen keine Blümchenvorhänge, an den Wänden keine mit Porzellan gefüllten Schränkchen. Lediglich auf einem Bretterverschlag stehen in einer Reihe: Jägermeister, Bacardi, Vodka, Jim Beam, Frühstückskorn. In ihren Hälsen steckt je ein gebogenes Metallrohr.

„Was darf ich dir bringen?“ „Ein Bier, bitte.“ Die Barfrau nickt. „Simone, wo bleiben unsere Schnäpse?“, ruft ein Gast, ohne den Blick von der mit Eichenholz verkleideten Wand zu nehmen. „Moment …“, erwidert Simone und stellt mir einen Krug hin. „Die kommen täglich: Michael & Co.“

„Gut für dich.“

„Ich wünschte, ich hätte die Zeit. Vormittags mache ich eine Umschulung zur Softwareentwicklerin, abends stehe ich hier.“

„Klingt superheldenmäßig!“

Derweil meine Mundwinkel in hochgezogener Position kleben, schaut Simone durch mich hindurch. Schließlich wendet sie sich ab, um Michael und seinen Freunden ihren Doppelkorn zu bringen.

Obwohl es draußen maximal zehn Grad hat, trägt Michael ein Tanktop. Seine Tattoos beeindrucken mich: Schwarze Zahnräder sowie diverse mechanische Bauteile schmücken den gesamten Oberarm. Sein Gesicht erzählt von in der Pubertät gefochtenen Machtkämpfen und der Resignation einer ganzen Bevölkerungsschicht – ein ehemaliges Schlachtfeld. Simone reicht ihm das Schnapsglas. „Kannst du den nochmal aufn Deckel schreiben?“, der glatzköpfige Mann grinst wie ein dickwangiger Junge, der ein Bonbon möchte. Eine eventuelle Diskussion erstickt Michael sofort – indem er die fleischige Hand in die Höhe reißt, als wolle er Simone entweder ein High Five geben oder einen Klaps auf den Hintern. Die etwa 30 Jahre ältere Wirtin verlagert das Körpergewicht aufs rechte Bein, sodass sich ihre magere Hüfte deutlich nach vorne schiebt. „Hey, hey, ist ja gut“, entschuldigend hebt Michael auch die zweite.

Simone hetzt zurück zum Tresen: „Weißt du …“, schnauft sie, die müden Ellbogen auf die Konsole gestützt. „Ich habe nichts gegen Arbeitslose, ganz im Gegenteil. Wer unverschuldet seine Stelle verliert, trotzdem alles darangibt, eine neue zu bekommen, dem muss geholfen werden. Aber Leute, die sagen »Hartz IV, der Tag gehört mir« – solche gibt’s genug … da kommt mir die Galle hoch.“

Eine Tür knarrt, ich schnappe das wabernde Gemurmel der Gäste auf, die im Innenhof des Mehrfamilienhauses rauchen. Ben grüßt flüchtig und setzt sich an einen Tisch im dunkelsten Winkel der Kneipe.

„Hast du einen Traum?“, frage ich Simone. „Wie … Traum?“, schmale Schlitze mustern mich. „Willst du wissen, was ich letzte Nacht geträumt habe?“ „Ich meine einen Lebenstraum, einen »Ich-wollte-schon-immer-Traum«.“ „Dafür bin ich zu pragmatisch. Ich habe Ziele. Zum Beispiel“, sie sieht zur Decke, „möchte ich niemals mein Dasein hinter dieser Theke fristen.“

„Sondern?“

„Genug Geld verdienen, von Kollegen und Chefs respektiert werden, ein Unternehmen gründen – solche Dinge. Mir ist es wichtig, unabhängig zu sein. Darum finde ich, dass es nicht belohnt gehört, wenn man arbeitslos ist und rund um die Uhr Schnaps zischt.“ Ihre durchblutete Bindehaut meint Michael. „Sorry, aber jeder, der normal im Kopf ist, arbeiten geht, Steuern zahlt, muss eigentlich genauso denken.“

Simone zieht die Schultern leicht zu den Ohren, wenn sie spricht. Um wichtige Worte zu betonen, zeichnet sie gelegentlich Kreise mit nach oben gerichteten Handflächen in die Luft. Simone, die Powerfrau – ihre Bodenständigkeit schüchtert mich ein.

„Du bist ehrgeizig“, sage ich.

„Wer etwas erreichen will, muss ranklotzen. Wird sonst nix.“

Habe ich deshalb aufgehört zu träumen – weil ich Angst hatte, abermals zu versagen?

Jetzt donnern die Böhsen Onkelz aus den Boxen. Michael hebt sein Schnapsglas und beginnt, unterm anklagenden Naserümpfen der Wirtin, zu grölen: „War die Straße zu lang und einsam War’n die Onkelz das Benzin Wir für euch, Ihr für uns Wir gegen DIE!“ Ben schaut vom Smartphone hoch. Seine Lippen knurren, während er zwischen bunten Stühlen zum Ausgang schlüpft.

„Was geht mit dem?“, ruft einer.

„Zu wenig intus!“, antwortet Michael.

„An dein Niveau kommt eh niemand ran“, spottet Simone.

Michael dreht uns ein spitzbübisches Lächeln zu, das eine Zahnlücke zwischen gelben Schneidezähnen bloßlegt. „Gibst du noch einen aus?“, fragt er. „Der Pegel steht so tief, dass wir auf Grund laufen könnten.“ Ich nicke Simone zu, sie stellt fünf Gläser nebeneinander und füllt sie mit klarer Flüssigkeit. Ich trage die Doppelkörner samt Tablett zum Tisch. „Setz dich“, sagt Michael, „willst einen? Walterino verzichtet gerne …“. Walterino quittiert die noble Geste per Faustschlag.

Den Schnaps kippe ich in einem Zug. Er brennt zwar abscheulich, dennoch bringt mich die vom Magen hinaufkletternde Wärme in Plauderlaune: „Na, kommt ihr oft her?“, scherze ich, um ins Gespräch zu kommen. Vermutlich sehe ich lächerlich dabei aus, denn die Mienen der Männer bleiben finster. „Was sollen wir sonst tun?“, fragt Michael. „Sag nicht, malochen gehen!“ Er erzählt, dass er vor Kurzem noch einen Job hatte: Michael stand in einer Firma am Band, die Salami produziert – wurde dann allerdings durch einen Roboter ersetzt. Und ohne Lehre sei es schwer, etwas Neues zu kriegen. „Ich habe null Lust, mich jeden Tag aus dem Bett zu quälen, schnell frühstücken, im Schritttempo zur schlechtbezahlten Schufterei. Immer daran denken, dass erst Mittwoch ist und ich noch drei weitere Wochentage vergeude.“

Ob er mal dran dachte, eine Ausbildung zu machen?

„Ich hab mich schon immer für Autos interessiert, und das Schrauben …“

Als ich ihn frage, weshalb daraus nichts wurde, sagt er: „War früher einfach alles stressig. Schule nervte; meine Mutter war kaum da, aber wenn sie zuhause war, hat sie ständig rumgenervt.“ Michael krächzt in höherer Tonlage: „Sind deine Hausaufgaben fertig? Aus dir wird nie was, wenn du so weiter machst! Warum geh ich überhaupt noch für dich arbeiten? Ich bin soooo enttäuscht von …“ Seine Stimme überschlägt sich, er beginnt zu husten – Walterino klopft ihm kräftig auf den Rücken. „Außerdem haben die meisten meiner Freunde auch nichts gelernt. Die kann ich schlecht im Stich lassen und sagen: Ich mach jetzt Karriere.“

Seine Mutter hat recht, denke ich, sei doch mal ehrgeiziger. Werde Mechaniker – oder bewirb dich wenigstens um ein Praktikum, möchte ich ihm zurufen. Stattdessen fährt Walterino dazwischen: „Schluss mit dem Gelaber! Wir trinken lieber noch eine Runde.“

Freilich trinken wir keine Runde mehr. Ich laufe nach Hause und erinnere mich an die Zeit, in der ich ausschließlich Post von meiner Mutter bekam, und vom Christkind. Damals standen auf meiner Wunschliste Berufe wie Archäologin oder Richterin, später Schriftstellerin. Betriebswirtin habe ich erst post factum auf den Zettel geschrieben, mit Bleistift. Das war bequem.

Ich erzähle meiner Bekannten am Telefon von Michael.
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Mit Träumen und Tatsachen geht jeder unterschiedlich um: Dem ersten fällt scheinbar alles zu, die zweite gibt ihr Privatleben auf, der dritte anderen die Schuld. Mir standen viele Wege offen … und ich entschied mich für eine leicht zu begehende Tour ohne nennenswerte Sehenswürdigkeiten. Bereut habe ich es immer, aber nie musste ich mir Sorgen darüber machen, ob ich die nächste Miete zahlen kann.

Weshalb ich mich trotzdem für den Workshop angemeldet habe? Anfangs aus demselben Grund, warum ich heimlich „Frauentausch“ komaglotze: Arroganz. Zurücklehnen, über Lappalien den Kopf schütteln, mich hämisch darüber freuen, dass manche Teilnehmenden ihr Dasein einfach nicht ins Lot bringen. Loser saufen Hoffnung, redete ich mir seit Absageddon ein, Gewinner krempeln Träume um.

Doch je näher der Workshop rückte, desto häufiger kam mir ein Gedanke, der sich umso hartnäckiger hielt, je mehr ich ihn zu verdrängen suchte: Wann ist der richtige Moment, um einen Traum zu begraben – nach dem ersten Rückschlag, vor dem zwölften oder erst, wenn ich aus dem Schlaf schrecke und wie ein aus dem Glas gesprungener Goldfisch nach Luft schnappe? Werde ich es auf dem Sterbebett bereuen, keinen Mumm aufgebracht zu haben für einen dreizehnten Versuch?

Ich will meinen Kater endlich loswerden: Hoffentlich gibt es morgen Rollmöpse zum Frühstück.

Am Eingang des Jugendzentrums, in dem der Workshop stattfindet, klebt ein Plakat: „Entfalte dein Potenzial!“, steht da in Großbuchstaben.

„Machen Sie mit?“, frage ich eine Passantin.

„Nee“, sagt sie, „ich bin zufrieden.“

Das ist doch eine der Frauen, die gestern im FreiRaum darüber diskutierten, ob sie lieber mit oder ohne Zopf schlafen sollten. Von Nahem schaut sie älter aus … vielleicht wie Ende 20. In der Grundschule wollte sie eine berühmte Sängerin werden, sagt sie und errötet. Heute habe sie gute Freunde, eine tolle Familie, einen liebevollen Partner – was wolle man mehr?

Durch eine Glastür betrete ich das Jugendzentrum. Den mit weißen Bodenfliesen ausgelegten, rund 60 Quadratmeter großen Saal trennen auf der linken Seite fünf in knalligen Farben besprühte Säulen vom Aufenthaltsbereich. In der Mitte des Raums steht ein Stuhlkreis. Ben hängt auf einem der Stühle, eine Frau tigert die Fensterfront entlang, ihre Finger sind zu einem Knäuel gewickelt. Ich höre forsche Schritte: Ein Mann schlendert zu uns, zupft an seinem braunen Pferdeschwanz, breitet die Arme aus und sagt: „Echt super, dass ihr dabei seid. Mein Name ist Sascha.“ Ben umarmt ihn: „Alter, bin froh, dich zu sehen.“ „Ach, Bensheim, lass stecken!“, nuschelt Sascha. Sein Blick schweift durch den Saal und bleibt schließlich am Stuhlkreis haften. „Wir warten noch ein bisschen … Ihr könnt schon mal eure Namensschilder beschriften“, sagt er und verschwindet hinter der Stellwand an der Rückseite des Raums.

Die tigernde Frau hat sich auf der Fensterbank niedergelassen, um ihren Namen auf ein Klebeetikett zu schreiben. Als sie anfängt, Locken ins mittellange Haar zu drehen, habe ich das Gefühl, mich unterhalten zu müssen. „Was treibt dich her?“, frage ich. Luisa erzählt, sie folge Sascha seit Längerem bei Facebook, da sie die Idee wunderschön fände, Menschen einen Rahmen zu geben, in dem sie träumen können. „Seine Worte ermuntern mich: Ich möchte Gleichgesinnte kennenlernen, gemeinsam wachsen.“ Sie lächelt vorsichtig, doch ihre Augen leuchten.

Wann habe ich das letzte Mal so gestrahlt?
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Wahrscheinlich in meiner Jugend; dann kam das Erwachsenwerden dazwischen. Mädchen, denke ich, die Welt ist kein Einhornhof. Du solltest aufwachen.

„Okay“, sage ich, „wovon träumst du?“

„Ich träume für meine Tochter, Anna ist vier“, Louisa packt ihr Smartphone aus und zeigt mir ein Bild. Anna ähnelt ihrer Mutter sehr – die gleichen ungewöhnlichen Grübchen oben in den Wangen sowie dicht unter den Lippen. Louisa käme über die Runden, leider hätten sich viele Freunde aus dem Staub gemacht, weil sie seltener feiern ging. „Ich wurde sehr früh schwanger. Anna war sozusagen ein Unfall, aber im Nachhinein das Beste, was mir passieren konnte.“

Sascha kommt zurück, doch diesmal sind seine Bewegungen träge, fast mechanisch. Seine Füße schlurfen über den Boden, als wäre es ihm zu anstrengend, sie zu heben; seine Arme baumeln an ihm. Er wirkt wie eine Marionette, die ihren Spieler verloren hat. Ben, Louisa und ich sehen ihn an, er den leeren Stuhlkreis: „Wir müssen den Workshop leider verschieben, ich hoffe, ihr habt Verständnis dafür.“ Ich möchte gerne etwas sagen, finde jedoch keine Worte: In Ordnung klingt zu banal. Stattdessen schaue ich durchs Fenster – eine korpulente Oma rutscht aus einem roten VW Golf, schlägt die Tür schwungvoll zu und holpert in die Innenstadt.

„Passt“, sagt Ben, „wollen wir noch ein Bier?“ „Eigentlich gerne“, antwortet Sascha, „aber ich muss los. Wir können noch ein Selfie machen.“ Auf einmal scheint es so, als würde Dunst in Bens Augen emporsteigen. Ich bin mir unsicher, ob bloß eine Wolke vor die Sonne gezogen ist oder ob ich mir das eingebildet habe – denn einen Lidschlag später flackern sie wieder in grünem Glanz. Ben legt den linken Arm um Saschas Schulter, in der rechten Hand hält er das Smartphone. Er dreht den Kopf ein ein klein bisschen und zieht die Brauen hoch, sodass seine Stirn quer verlaufende Falten schlägt. Dieses Bild wird seinen Followern morgen 2.583-mal gefallen haben.

Louisa wischt mit dem Pulloverärmel über ihr tränenfeuchtes Kinn: „Nenn mich ruhig naiv – ich versuche einfach aus meiner Situation das Beste herauszuholen.“

Vielleicht ist es gutgläubig anzunehmen, ein Workshop würde Träume wahr werden lassen. Vielleicht wäre sie besser zu Hause geblieben, hätte mit ihrer Tochter Monopoly gespielt. Vielleicht hätte sich Ben lieber mit Menschen umgeben, denen wirklich etwas an ihm liegt. Vielleicht wäre Simone weichherziger, hätte sie weniger an ihrem Lebenslauf gefeilt, sondern mehr Wolkenkuckucksheime gebaut. Vielleicht sollte Michael endlich nüchtern werden.

Durchhalten oder loslassen? Hätte, hätte, …
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Zwei Stunden später treffe ich meine Bekannte im Rosemarie – statt Simone steht ein schmalschulteriger Mann hinterm Tresen.

„Wie war der Workshop?“

„Wurde abgesagt“, sage ich, „zu wenig Teilnehmer.“

„Tja, Träume sind Schäume …“

Stimmt das? Klar, manche Traumkronen zerfallen, einige quillen zum Albtraum auf. Ein paar perlen länger und erzeugen ein wohligwarmes Bauchgefühl. Nicht nur deshalb, weil wir ihnen konsequent folgen, sondern auch weil es Menschen gibt, die den Schneid haben, Opfer zu bringen. Ohne Ben würden wir weniger träumen, weil uns dazu der Ansporn fehlte. Wäre Simone nicht, gäbe es weder das Rosemarie noch eine intakte Gesellschaft. Ohne Michael hätte ich nicht begriffen, dass Träume eine solide Basis brauchen. Louisa zeigte mir, wie erfüllend es sein kann, für andere zu träumen.

„Soll ich dich vormerken für den nächsten Workshop?“ Ich schüttle den Kopf, meine Hände umklammern die Kaffeetasse.

Träume sind zwar wichtig, weil sie mich ins Handeln bringen; trotzdem stellt das Träumen immer ein Risiko dar. Was, wenn das Paradies weder hinter der nächsten Ecke auf mich wartet noch hinter der übernächsten oder überübernächsten? Wenn ich von Durchhalteparolen getrieben gar nicht merke, dass ich ohne meinen Traum glücklicher wäre – weil meinem eigentlichen Ziel bereits einen Schritt näher?

Erfolg ist kein One-Night-Stand, er kommt nie über Nacht. Allerdings sollte ich mich niemals in Luftschlösser verbeißen, da ich anderenfalls mehr verliere als nur ein paar Backenzähne.

„Ich werde zunächst das wertschätzen, was ich erreicht habe. Dinge ändern, die ich ändern kann. In jeder Situation abwägen, ob es sich noch lohnt, die Krone zu richten. Falls nicht, der Sache ein Ende machen.“

Es braucht Mut, seine Träume zu verfolgen; aber es braucht auch Mut, sie loszulassen. Vielleicht werde ich einfach Autorin statt Thomas Mann, Bloggerin statt Autorin oder etwas vollkommen anderes. Manchmal, wenn wir einen Traum aufgeben, ist es weniger der Traum, den wir aufgeben – manchmal verlassen wir bloß einen ausgetretenen Pfad, um unseren eigenen Weg zu gehen.


Dieser Text ist eine Schreibübung. Handlungen, Orte und Personen (einschließlich der Autorin) sind frei erfunden.

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