5 Wege, ein einsames Leben zu überleben

Frau stützt Kinn auf Hand

Alleinsein schmeckt gelegentlich nach einem Glas Merlot auf der Terrasse. Einsamkeit täglich nach sechs großen Bieren aus dem Discounter. Erwähne ich, dass ich einsam bin, sehe ich verdrehte Augen und höre gute Ratschläge. Manche sagen: „Geh doch einfach mal unter die Leute!“, andere sagen dasselbe – nur durch die Blume. Immer, wenn ich mich einsam fühle, denke ich an dich. Manchmal in Trauer, manchmal in Wehwut. Aber jedes Mal an Situationen, in denen ich glücklich war.

Als Kind tauchte ich ab in exotische Welten ab; heute quittiere ich ihre größten Wunder mit einem Achselzucken. Und morgen?
Ich bade gerne, in Einsamkeit zum Beispiel … @ IgorVetushko | depositphotos.com

In meiner Erinnerung sitze ich als Vierjährige in deiner Dusche und fliege mit meinem Holländer über alle Weltmeere. Frischer Gedankenwind füllt das grau gepunktete, mich vor jedem Seesturm schützende Segel. Zeit gibt es nicht. Du öffnest die Kajütentür; fragst, ob ich nicht an Land gehen wolle; Abendbrot wäre fertig. Statt mich jedoch zu verankern, lässt du mich segeln – so durch und durch geduldig bist du. Während ich die exotischsten Winkel durchkreuze, ersetzt du regelmäßig kaltes Wasser durch heißes. Und ich nutze meine Freiheit bis zur letzten Bö. Lachst du, sind deine Augen feucht vor Liebe. Redest du, bewegen sich deine Worte wie Wellen. Du hast das Leben nie sonderlich ernst genommen, obwohl es oft hart zu dir war.

Gestern sprach ich mit meiner Nachbarin darüber, dass eine andere weggezogen wäre, ihre Miete nicht bezahlt, ihre Mülltonnen stehen gelassen hätte; währenddessen überlegte ich, wie Feiertage am besten totzuschlagen wären. Zeit muss gefüllt werden.


Apostroph

Die Zahl der Einsamen ist in den letzten 30 Jahren kontinuierlich gestiegen.


Wer sich früher einsam fühlt, ist schneller tot.

Laut vieler Studien ist Einsamkeit gefährlicher als Alkoholismus und das größte Risiko überhaupt für einen frühen Tod. Im Jahr 2007 wies zum Beispiel Naomi I. Eisenberger nach, dass Menschen mit wenigen Sozialkontakten unter Stress signifikant mehr Stresshormone ausschütten als solche mit vielen. Spätere Studien belegen, dass Leute, die sich einsam fühlen, auch in entspannten Situationen über erhöhte Cortisol-Spiegel verfügen. Forscher der Universität Versailles Saint-Quentin-en-Yvelines fanden zudem heraus, dass alleinlebende Menschen rund doppelt so häufig an Depressionen, Zwängen sowie Ängsten leiden.

Zeitstrahl der Einsamkeit
Zwischen 30 und 34 Jahren sowie ab 65 fühlen sich Menschen besonders einsam.

Die Folgen? Das Immunsystem fährt herunter, Entzündungswerte steigen – und somit das Risiko zu erkranken. Wir sind schneller bereit, unseren Kummer mit Zigaretten, Zucker oder anderen Drogen zu betäuben. Wir verkriechen uns, bewegen uns kaum. Das führt sowohl zu schlechtem Schlaf, Übergewicht, dauerhaften Herz-Kreislaufproblemen als auch hohem Blutzucker.

Ich vermisse dich.

Als ich eines Morgens aus öden Träumen erwachte, warst du vor zwei Jahren gestorben. Seitdem ist viel nichts passiert. Zum einen saß ich nie wieder in deiner Dusche, während du Nieren mit Zwiebeln und Kartoffelbrei kochtest. Andererseits erzähltest du mir nie wieder, wie besonders es für dich war, dass ich bei dir in der Dusche saß. Ebenfalls hast du mir nie wieder ein „Allet wird jut“ übers Haar gestrichen.

Opi und ich
Ich mit 6 und meinem Opa, ich mit 12 und meinem Opa – kaum ein Unterschied?

Vieles mehr versuche ich bis heute zu ersetzen. Bekäme ich Nachwuchs, dachte ich, würde Mini-Me die damalige Sorglosigkeit aufleben lassen. Das Gefühl jedoch, in deiner Dusche zu sitzen, werde ich nie wieder erleben. Schlichtweg weil ich kein Kind mehr bin, und du tot. Die Zeiten ändern sich, sagen die Leute, komm klar. Zwar kann ich heute ähnliche Situationen inszenieren – aber die sind weder praktisch dieselben noch emotional die gleichen. Setze ich mich mit einem Plastikboot in die Dusche, langweile ich mich. Versuche ich ein Gespräch über Weltschmerz zu führen, kommt mir das lächerlich vor.

Irgendwann werden alle Geschöpfe, die ich liebe, sterben … Und für keine*n gibt es Ersatz. Warum nicht einfach vorbeugen? Baul ins Tierheim bringen? Den Kontakt zu Familie, Freunden & Co. frühzeitig abbrechen? Weil ich lieber mit Sicherheit hoffe, statt in Ungewissheit bereue. Leider.

Zeit ist ein komisches Ding. Festhalten oder zurückholen kann ich sie in keinem Fall.

Ich nehme mir nochn Bier.
Einsamkeit ertränken? Geht ganz gut mit Bier. @ MicEnin | depositphotos.com

Was tun gegen Einsamkeit?

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1. Lerne, allein zu sein

Alleinsein ist das Gegenteil vom Anschreien in der Mitte klatschnasser Klatschmassen. Alleinsein gleicht einem Date, sagen wir abends an einem abseits stehenden Tisch am Seeufer, und der Himmel spiegelt sich klar im ruhigen Wasser und die Kerze in Deinen Augen.

myMONK

2. Gib deinem Leben einen Sinn

Das Vorhaben, dem eigenen Leben einen tieferen Sinn zu geben, ist keine exakte Wissenschaft […]. Vorausgesetzt man ist bereit, Zeit und Mühe in diesen Prozess zu investieren.

wikiHow

3. Aktionsradius erweitern

Rund 30 Prozent der Deutschen geben an, sich dauerhaft oder gelegentlich einsam zu fühlen. Vor allem pessimistische Menschen, solche mit wenig Einfühlungsvermögen und Introvertierte. Warum tun wir uns nicht zusammen?

4. Bekannte & Freunde selektieren

Freunde und optimistische, lebensbejahende Menschen sind eine Bereicherung für unser Leben. Allerdings gibt es manchmal auch Personen im Bekanntenkreis oder im direkten Umfeld, die in uns negative Emotionen hervorrufen.

Zeitblüten

5. Soziale Netzwerke

Thomas badet auf an [sic] einem fernen Sandstrand, Luise verkündet bei Facebook glücklich ihre Verlobung und Marie zeigt bei YouTube, wie ein typischer Tag in ihrem immer aufregenden Leben aussieht. Ich selbst sitze in der U-Bahn […] und sehe ihnen von hier dabei zu.

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